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50 Jahre Fairer Handel in Deutschland

Die Fair-Handels-Bewegung in Deutschland wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Sie entstand Anfang der 1970er-Jahre in Europa als christliche Jugend- und Studentenorganisationen. Während der sogenannten Hungermärsche protestierten sie in 70 deutschen Städten gegen die wachsende Benachteiligung von Produzent*innen aus dem globalen Süden am Weltmarkt und forderten faire Handelsbeziehungen. Etwa 30.000 Menschen nahmen 1970 in ganz Deutschland an den Kundgebungen teil. Die Hungermärsche gelten als bis dahin größte Solidaritätsaktion für Länder des Globalen Südens in der Geschichte der Bundesrepublik.

In den Folgejahren boten immer mehr Aktionsgruppen und Weltläden fair gehandelte Waren an. Aktivist*innen gründeten die ersten Fair-Handels-Organisationen wie GLOBO, El Puente und GEPA. 1973 öffnete auch der erste deutsche Weltladen in Stuttgart. Heute profitieren rund 2,5 Millionen Kleinbäuer*innen und Kunsthandwerker*innen sowie deren Familien vom Fairen Handel.

Doch wie steht es um die Vision eines gerechten Welthandels? Was hat der Faire Handel in 50 Jahren erreicht? Von der Jutetasche als politisches Statement Ende der 70er Jahre bis aktuell zur erfolgreichen Mobilisierung für ein Lieferkettengesetz war es ein weiter Weg. Dazwischen erlebte der Faire Handel eine wechselvolle Geschichte. Er startete als „Bildungsprojekt“, um für unfaire Handelsbedingungen zu sensibilisieren. Dann kam der Handel mit wenigen Produkten dazu, um zu zeigen, dass und wie es in der Praxis gehen könnte. Als „Alternativer Handel“ gestartet, ging es der Bewegung ursprünglich um einen Strukturwandel weltweit, hin zu gerechteren Handelsbedingungen für alle. Auf Druck der Handelspartner im Globalen Süden, die sich größere Absatzmöglichkeiten wünschten, kam es zur Ausweitung in den Mainstream, dem Verkauf fairer Produkte im Lebensmitteleinzelhandel. Dann kam für viele der „Sündenfall“, nämlich der Verkauf fairer Produkte im Discounter. Die Diskussion darüber hat die Fair-Handels-Bewegung fast gespalten. Eine Zeitlang haben glaubte man mit Slogans „Fairer Handel ist Politik mit dem Einkaufskorb, die Konsument*innen könnten es richten. In der Tat haben sich die Umsätze mit fairen Produkten positiv entwickelt. Doch dieser Erfolg relativiert sich, wenn man in Betracht zieht, dass der Marktanteil von fairem Kaffee erst bei 6,7 % liegt. Das zeigt: Wirkliche Veränderungen können nur über politische Rahmensetzungen erfolgen. Diese kommen aber nur mit öffentlichem Druck zustande.

Der große Verdienst der Fair-Handels-Bewegung ist, zu zeigen dass Fairer Handel wirtschaftlich möglich ist und erfolgreich sein kann. Als größte entwicklungspolitische Bewegung in Deutschland hat die Fair-Handelsbewegung eine starke Basis, die es vermag, besagten Druck zu erzeugen. Mittlerweile wird sie in der Öffentlichkeit und von der Politik gehört und einbezogen.

Und welches sind die großen Baustellen der Zukunft?

Eine unmittelbare „Bedrohung“ stellen die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie für die Handelspartner im Globalen Süden dar. Noch ist nicht abzusehen, wie viel von dem, was in 50 Jahren Fairem Handel aufgebaut wurde, verloren gehen wird. Langfristig besteht die größte Herausforderung in der Klimakrise. Sie trifft besonders die Menschen im Globalen Süden, die von der Landwirtschaft abhängig und so wichtig für die globale Ernährungssicherheit sind. Verwerfungen in Folge der Klimakrise sind vorprogrammiert. Wie auch im Fall Corona können die Produzent*innen meist nicht auf Unterstützung seitens ihrer Regierungen hoffen. Die Handelspartner bei deren Bewältigung zu unterstützen, ist also eine wichtige Zukunftsaufgabe für den Fairen Handel. Auf der Ebene des nötigen gesellschaftlichen Wandels gilt es, gegen die Folgen der „Geiz ist geil“-Mentalität anzugehen – und sei es durch staatliche Eingriffe, wie einem gesetzlichen Dumping-Verbot für Lebensmittel. Die zunehmende Machtkonzentration im Handel und die Preisspirale nach unten zerstören Menschenleben und den Planeten.

Wie kann die Fair-Handels-Bewegung zukünftig noch stärker zu einer Veränderung unseres

wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems beitragen?

Die Antwort darauf: Allianzen schmieden. Der Faire Handel muss sich noch stärker öffnen und den Schulterschluss mit gleichgesinnten Bewegungen wagen. Außerdem muss in Politik und Gesellschaft noch deutlicher gemacht werden, wie viel der Faire Handel zur Lösung globaler Herausforderungen beiträgt und wie umfassend dessen Ansatz ist. Er muss vorhandenen Kräfte bündeln, um der weltweit vorherrschenden Macht- und Profitgier das Prinzip „People and Planet before Profit“ entgegenzusetzen. Leider hat die Welt dafür keine weiteren 50 Jahre Zeit.

Marion Dorner, Eine Welt Verein Kressbronn e. V. Quelle: Forum Fairer Handel, aktuelle Zahlen 2020

Ein gutes Leben – das Jahresthema der FAIREN WOCHE 2020

„Fair statt mehr“, das diesjährige Motto der Fairen Woche ist aktueller denn je! Die weltweite Corona-Pandemie macht deutlich, wie eng wir auf der Welt verbunden und wie verwundbar wir sind. In nur wenigen Wochen brachte das Virus das öffentliche Leben zum Erliegen, unterbrach globale Lieferketten und stürzte Millionen Menschen in Arbeitslosigkeit und Existenznot – viele von ihnen ohne jede soziale Absicherung. Die Folgen sind Hunger, Not und Elend. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten rd. 2 Milliarden Menschen im sogenannten „informellen Sektor“, d. h. ohne feste Anstellung, etwa als Tagelöhner oder Straßenverkäufer, insbesondere in Südamerika und Afrika. Durch die Pandemie sind ihre Einkünfte um ca. 82 % eingebrochen.

Die Ärmsten in den Entwicklungs- und Schwellenländern brauchen unsere Solidarität. Eine Konsequenz der Corona-Krise ist klar: Es kann keine Rückkehr zur weltweiten Normalität der Globalisierung geben. Wir müssen in vielen Bereichen umdenken, was wir tatsächlich für ein gutes Leben brauchen und wie wir dieses gestalten wollen. Die Pandemie zeigt, wie wichtig Gerechtigkeit in der Globalisierung ist: mit klaren Spielregeln, Gesundheitsstandards, Arbeitsschutz und sozialen Sicherheitsnetzen. Das Wohl der Menschen ist nicht verhandelbar (zitiert nach Forum Fairer Handel und Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller).

Das heißt auch: faire Preise, die Existenzen sichern und endlich dem Naturverbrauch entlang von globalen Lieferketten einen Preis geben. Denn noch nie wurden mehr Ressourcen abgebaut, abgeholzt oder verbrannt: für Mikrochips aus Coltan, für billiges Palmöl und Schokolade, für Grillkohle aus Tropenholz, für Rindersteaks. Kinder schuften für unseren Kaffee auf Plantagen, Näherinnen in Textilfabriken arbeiten 14 Stunden ohne Pause, Kakao-Bauern verdienen Hungerlöhne. Die gesamte Menschheit verbraucht pro Jahr die natürlichen Ressourcen von fast zwei Erden.

Dieser Lebensstil hat keine Zukunft – er nimmt Zukunft. Wir erwirtschaften unseren Wohlstand auf dem Rücken der Schwächsten, unserer Enkel und unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Das ist unfair und führt nicht nur ökologisch ins Verderben. Ein gutes Leben für Wenige auf Kosten Vieler, der Natur und der nachfolgenden Generationen ist nicht zukunftsfähig!

Das Konzept des guten Lebens beschreibt die Vision einer solidarischen Lebensweise, in der die Menschenrechte geachtet, die Grundbedürfnisse der Menschen befriedigt und ein respektvoller Umgang

mit der Natur gelebt wird. Kooperation statt Konkurrenz, der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht der Profit. Orientierung am Gemeinwohl, Respektierung der ökologischen Grenzen und Abkehr von der Wachstumslogik – an diesen Prinzipien muss sich das unternehmerische Handeln orientieren.

Der Faire Handel arbeitet seit 50 Jahren nach diesen Prinzipien, denn er rückt die Menschen am Anfang der globalen Lieferketten in den Mittelpunkt – damit die Menschen von ihrer Arbeit und in Würde leben können. Er orientiert sich am Gemeinwohl, in dem er soziale Projekte fördert und finanziert, die dazu beitragen, die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Fairer Handel stoppt die Ausbeutung von Mensch und Natur in dem er umwelt- und klimafreundliche Produktionsweisen fördert. Er setzt sich kritisch mit der Wachstumslogik auseinander, indem er gemeinsam mit anderen Bewegungen Impulse für eine sozial-ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft gibt.

Was ein gutes Leben ist, wird jede und jeder individuell für sich beantworten müssen. Ebenso unterschiedlich werden die Wege sein, ein gutes Leben zu erreichen. Sicher ist aber, dass ein gutes Leben nicht auf Kosten anderer gehen kann! In der Fairen Woche vom 11. bis 25. September 2020 wollen wir in Kooperation mit der Buchhandlung LESBAR und dem Bioladen Naturkost Massag mit verschiedenen Aktionen zum Reflektieren der eigenen Konsummuster und Handlungsroutinen anregen. Zum Beispiel können Sie sich am 17. September auf dem Kressbronner Wochenmarkt informieren oder Sie schreiben uns, was für Sie persönlich ein gutes Leben ausmacht und gestalten damit unsere Aktionswand im Weltladen. Im Bioladen erwartet Sie ein reichhaltiges Angebot nachhaltig produzierter Lebensmittel aus der Region. In der Lesbar finden Sie inspirierende Bücher zu Themen wie nachhaltiger Konsum funktionieren kann oder wie Verhaltensänderungen im Alltag gelingen können. Kommen Sie vorbei – wir freuen uns auf Sie!

 

 

Die Krise trifft uns alle, aber nicht alle gleich

Das Corona-Virus macht einmal mehr deutlich, dass die Bewältigung der weltweiten Krisen weder kurz- noch langfristig auf nationalstaatlichen Ebenen gelingen kann. Grenzschließungen mit enormen sozialen und wirtschaftlichen Kollateralschäden, Konkurrenzen bei der globalen Beschaffung z.B. nötiger Schutzkleidung, die höchst unterschiedlichen Kapazitäten bei der Gesundheitsversorgung, die Erforschung des Virus und der Wettlauf um Impfstoffe und Medikamente, die dramatischen Folgen der

Lockdowns – all das macht überdeutlich, dass globale Solidarität und Zusammenarbeit das Gebot der Stunde und für die Zukunft überlebensnotwendig sind.

Was an vielen Orten und in berührender Weise an solidarischem Engagement entstanden ist, zeigt uns den Weg, den wir auch auf globaler Ebene gehen müssen: Verantwortung übernehmen und die in den Blick nehmen, die am meisten unter sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen leben, die sie in unglaublichem Ausmaß benachteiligen, ausgrenzen, bedrohen und ihrer Würde berauben. Die Krise trifft uns alle, aber nicht alle gleich.

Die Pandemie wirft ein grelles Licht auf bestehende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in unserer eigenen Gesellschaft, aber noch viel mehr global betrachtet. Wer arm ist, auf zu engem Raum wohnt, von prekären Arbeitsverhältnissen lebt, keinen Zugang zu einem funktionierenden Gesundheitssystem hat usw., den trifft die Krise mit ungebremster Wucht. Wo der Klimawandel die Lebensgrundlagen zerstört, Raubbau an der Natur unseren ressourcenintensiven Lebensstil nährt, Regierungen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, Menschenrechte nicht beachtet werden, dort ist man dem Virus noch viel mehr ausgeliefert. So sehen sich beispielsweise tausende Textilarbeiter*innen im globalen Süden angesichts ausbleibender oder stornierter Bestellungen mit fristlosen Kündigungen oder unbezahltem Zwangsurlaub konfrontiert, ohne staatliche Unterstützung.

Während wir hier über Einschränkungen unserer Grundrechte – sinnvollerweise! – diskutieren, nutzen nicht wenige Machthaber die Pandemie, um Menschen, die sich für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, für mehr Demokratie, Menschen- und Bürgerrechte einsetzen, einzuschüchtern, zu verhaften und mundtot zu machen.

Wir beobachten in dieser Krise jedoch auch eine wachsende globale Solidarität, ein bewusstes Hinschauen, wo Menschen besonders betroffen sind. Auch zahlreiche Initiativen in den Arbeitsbereichen des Fairen Handels suchen über alle Grenzen hinweg Mittel und Wege, ihren Partnern im globalen Süden in dieser Krise solidarische Unterstützung zukommen zu lassen. Durch langjährige Zusammenarbeit und persönliche Beziehungen erfahren sie schnell, was gebraucht wird, was zu tun ist, und mobilisieren Unterstützung.

Im aktuellen Krisenmanagement liegt der Fokus auf unserer Situation in Deutschland, Europa und in den Industrieländern. Erst langsam weitet sich der Blick, richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Teil der Welt, in dem Menschen prekärer und verwundbarer leben. Die erhöhte Sensibilität für ethische Fragen, Aspekte der Menschenwürde und -rechte, für Ursachen und Auswirkungen von  Ungerechtigkeiten hier bei uns und weltweit müssen wir nutzen, um gemeinsam durch diese Krise globale Solidarität zur neuen Normalität werden lassen.

Um die Produzenten im globalen Süden in der aktuellen Krise noch besser unterstützen zu können und für die Zukunft besser gewappnet zu sein, wendet sich der Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg e.V. (DEAB) in einem offenen Brief an Entscheidungsträger*innen in der Politik in Baden-Württemberg mit dem Anliegen, globale Verantwortung noch mehr in den Blick zu nehmen und sie als unverzichtbares Element in unserer Gesellschaft zu verankern.

Den vollständigen Text dieses Briefes der DEAB finden Sie unter dem link

https://www.deab.de/aktuell/detail/offener-brief-an-die-landesregierung-globale-solidaritaet-wege-zu-einer-neuen-normalitaet/

 

Gemeinsam für ein Lieferkettengesetz

Am 9. Mai ist der Internationale Tag des Fairen Handels bzw. der Weltladentag. An diesem Tag macht die Fair-Handels-Bewegung auf ihre Vision einer gerechteren Welt sowie eines Handels zum Wohle von Menschen und Umwelt aufmerksam. Der Weltladentag 2020 steht im Zeichen unserer langjährigen Forderung nach einem Lieferkettengesetz, das Menschen- und Arbeitsrechte überall auf der Welt verbindlich schützt.
Bei der Herstellung unserer Alltagsprodukte werden häufig Menschenrechte verletzt und die Umwelt zerstört. Auch deutsche Unternehmen sind immer wieder – direkt oder indirekt – an Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzungen im Ausland beteiligt oder profitieren davon, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.
Wie aber sähe eine Welt aus, in der Unternehmen nicht mehr dem Profit Einzelner, sondern Mensch und Umwelt verpflichtet sind? Der Faire Handel zeigt seit 50 Jahren, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist, dass es möglich ist, Menschenrechte und Umwelt entlang globaler Lieferketten zu achten.
Doch der Faire Handel darf nicht länger die Ausnahme bleiben. Es ist an der Zeit, einheitliche Regeln für alle Unternehmen festzuschrieben. Die Missachtung von Menschenrechten und Umweltstandards im globalen Süden darf den Unternehmen im globalen Norden keinen Wettbewerbsvorteil mehr bieten! Da viele Unternehmen dieser zutiefst humanen Verantwortung freiwillig nicht ausreichend nachkommen, braucht es ein Lieferkettengesetz. Unternehmen, die Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden bei der heutzutage weltweit verstreuten Produktion verursachen oder billigend in Kauf nehmen, müssen endlich dafür haften. Diese Verbindlichkeit zu schaffen, ist Aufgabe unserer Politiker. Eigentlich wollten Bundesentwicklungsminister Müller und Arbeitsminister Heil Mitte Februar ihre Eckpunkte für solch ein Gesetz vorstellen. Doch dann pfiff sie das Kanzleramt zurück. Grund ist vermutlich auch die Corona-Krise, die zurzeit das gesamte politische Geschehen dominiert.
Doch gerade in Zeiten von Corona ist es wichtig, Menschenrechte entlang der Lieferketten in den Fokus zu nehmen! Denn die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Menschen in den armen Ländern des globalen Südens sind schon jetzt dramatisch. Produzent*innen und Arbeiter*innen sind aufgrund fehlender finanzieller Absicherung und medizinischer Versorgung besonders gefährdet. Viele Beispiele aus dem globalen Süden zeigen, dass wir dringend ein Lieferkettengesetz brauchen, denn, ein solches Gesetz würde dazu beitragen, die negativen Auswirkungen zu verhindern oder abzumildern. Die „Initiative Lieferkettengesetz“, die von der EU und dem BMZ gefördert wird, fordert, dass noch in dieser Legislaturperiode ein Lieferkettengesetz in Deutschland erarbeitet wird. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen und die Initiative unterstützen möchten, finden Sie Informationen unter

https://lieferkettengesetz.de/

Abgesehen von Thema Lieferkettengesetz: Die Corona-Krise bietet die Chance, einen ganz neuen Blick auf viele Fragen zu Solidarität und Gerechtigkeit zu werfen. Vielleicht haben wir nach der Krise eine andere Sicht auf die Welt und unsere Rolle darin? Vielleicht steigt unsere Wertschätzung gegenüber Menschen, Dingen und Dienstleistungen, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass sie eben nicht selbstverständlicher Teil unseres Alltags sind? Nutzen wir die Möglichkeit, eine globale Perspektive einzunehmen und auch die Menschen in den Fokus zu rücken, die Produkte unseres täglichen Bedarfs wie Kaffee, Tee, Baumwolle und Kleidung herstellen. Auch sie und ihre Arbeit haben mehr Wertschätzung verdient.

 

Ein Goldschatz in der Schublade 

Wussten Sie, dass…..

  • weltweit jede Sekunde 36 Handys produziert, aber nur 4 Babys geboren werden?
  • es weltweit mehr Handys als Zahnbürsten gibt?
  • der deutsche Verbraucher durchschnittlich alle 18-24 Monate sein Handy wechselt?
  • in einem Handy bis zu 30 verschiedene Metalle stecken, um die es teilweise kriegerische Auseinandersetzungen gibt, unter denen Millionen von Menschen leiden?
  • die Rohstoffe, die in einem Handy stecken aus der ganzen Welt kommen?
  • zum Beispiel das iPhone 6s, das, wenn es mit Wasser gefüllt würde nur knapp 66 Milliliter Flüssigkeit  – das ist weniger als zwei Schnapsgläser voll – fasst, aber trotz dieses kleinen Volumens in ihm 28 verschiedene Metalle aus 19 verschiedenen Ländern verbaut sind:  z.B. Coltan und Tantal aus dem Kongo, Kupfer aus Peru und Chile, Magnesium aus Indien und Brasilien, Wolfram aus Uganda und Ruanda, Lithium aus Argentinien und Australien, Gold aus China, Silber aus Sambia….?
  • in 41 Handys soviel Gold enthalten ist wie in einer Tonne Golderz?
  • nur 47% der Handynutzer schon einmal ein Handy zum Recycling gegeben haben?
  • 100 Millionen ausgemusterte Handys in den Schubladen deutscher Haushalte liegen?
  • ca. 2,4 t Gold in diesen ungenutzten Handys stecken?
  • allein die sechs im Bild gezeigten Rohstoffe einen Wert von 257 Mio. € haben?
  • mit dem Kupferanteil in diesen Schubladen-Handys ein Telefonkabel fast zweimal um die Erde gelegt werden könnte?

Haben auch Sie solche „Gold-Handys“  ungenutzt in Kisten oder Schubläden herumliegen?

Dann denken Sie doch einmal darüber nach, dass es auch in Ihrer Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt liegt und die Rückgabe nicht mehr genutzter Geräte eine Notwendigkeit ist.

Organisationen aus Kirche und Zivilgesellschaft, die Deutschen Telekom Technik GmbH und auch das Land  Baden Württemberg mit seiner „Nachhaltigkeitsstrategie“ rufen mit landesweiten Kampagnen zu Sammelaktionen von gebrauchten Handys auf. Dabei soll auch darauf aufmerksam gemacht werden, welche Auswirkungen der weltweite Handyboom hat und das Bewusstsein für den Umgang mit Ressourcen geschärft werden – und für alles, was damit zusammenhängt: Zum Beispiel die Arbeitsbedingungen der Menschen, die die notwendigen Rohstoffe abbauen oder unsere Handys zusammensetzen, oder die Folgen für die Umwelt.

Leeren Sie also ihre Schubladen und bringen Sie ihre Gold-Handys zu den Sammelstellen im Weltladen Kressbronn oder in die katholische Kirche Kressbronn.

Des einen Freud ist des anderen Leid

Spielzeug ist ein besonderes Produkt. Wir erinnern uns ein Leben lang an unsere Lieblingspuppe oder an unser Lieblingsstofftier. Mit Spielzeug verbringen wir viel Zeit, vertiefen uns ins Spiel, lernen und erschließen uns die Welt.

Spielzeug ist heute jedoch auch ein Produkt wie jedes andere. Es wird aus den unterschiedlichsten Rohstoffen in Fabriken auf der ganzen Welt hergestellt. Es wird global gehandelt und in Tausenden von Läden verkauft. Das bunte Angebot weckt Bedürfnisse und verleitet zum schnellen Kauf. In den meisten Kinderzimmern gibt es viel zu viel davon. Manches landet schnell wieder auf dem Müll. Und weil wir so viel davon kaufen wollen, soll es billig sein. Doch den wahren Preis zahlen andere.

Nur noch 20 Prozent des Spielzeuges wird in Deutschland produziert, der Rest wird importiert. 80 Prozent der europäischen Spielzeugimporte kommen aus Fernost. In Deutschland stammte zuletzt knapp die Hälfte der Spielzeugeinfuhren aus China. Deshalb stehen vor allem die Spielzeugunternehmen in der Kritik, die in China produzieren lassen. In vielen der dortigen Fabriken – und nicht nur in der Spielzeugbranche – verstoßen die herrschenden Arbeitsbedingungen gegen nationales Recht und internationale Mindeststandards.
Die Christliche Initiative Romero berichtet in einer neuen Studie über verdeckte Ermittlungen der Arbeitsrechtsorganisation „China Labor Watch“ in chinesischen Spielzeugfabriken. Als Fließband-arbeiter*innen getarnt stellten die Ermittler*innen gravierende Arbeitsrechtsverletzungen fest. Für internationale Konzerne wie Disney, Hasbro, Mattel und Lego schieben die Arbeiter*innen dort in der Hochsaison bis zu 126 Überstunden monatlich – nicht immer freiwillig. Arbeitszeiten bis zu 14 Stunden pro Tag, Löhne unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns, unzureichenden Arbeitsschutz sind oft die Regel. Teilweise werden 10 – 15 Arbeiter*innen zum Schlafen in ein Zimmer gepfercht.
Der „Toys Report 2019“ (www.ci-romero.de/toys-report-2019) nennt die Ursachen für die schlechten Arbeitsbedingungen und fordert die westlichen Unternehmen auf, endlich Verantwortung für die Arbeitsbedingungen in ihren Produktionsstätten zu übernehmen und wirksam gegen diese Ausbeutung vorzugehen.

Und was können WIR tun?

  • Weniger ist mehr. Auch Spielzeugberge werden irgendwann zu Müllbergen.
  • Material sorgfältig auswählen. Kaufen Sie kein Spielzeug aus weichem Kunststoff, insbesondere nicht aus PVC.
  • Vertrauen Sie Ihrer Nase, machen sie den Riechtest. Was künstlich riecht, gibt auch schädliche chemische Stoffe an die Luft ab.
  • Meiden Sie Billigprodukte. Niedrige Preise gehen oft einher mit minderwertigen Rohstoffen, miserablen Arbeitsbedingungen und fehlenden Qualitätskontrollen.
  • Spielzeug tauschen: gebrauchtes Spielzeug ist nicht nur preisgünstiger, sondern auch umweltfreundlicher.
  • Achten Sie auf fair produziertes und gehandeltes Spielzeug mit den entsprechenden Labels.

 Gedanken zum Nikolaustag

Was hat  Bischof Nikolaus von Myra (geb. um 286 n.Chr.) mit dem Fairem Handel gemein? Er, den wir gemeinhin „Nikolaus“ nennen, würde sich auch heute noch für Gerechtigkeit und Solidarität mit den Armen und sozial Benachteiligten – in Süd und Nord – einsetzen. Das sind genau die Werte, die auch für den Fairen Handel zentral sind.

Zum Beispiel Schokolade: Im Fairen Handel werden den Kakaogenossenschaften in den Anbauländern höhere Preise gezahlt, damit die Kakaobauernfamilien ihre Kinder zur Schule schicken können. Denn immer noch müssen im konventionellen Kakaoanbau viele Kinder – beispielsweise in Westafrika –  in Kakaofeldern schuften, weil ihre Eltern nicht genug verdienen. Bei fair gehandeltem Kakao ist jedoch bekannt, woher die Kakaobohnen kommen und wie sie weiter verarbeitet werden. Im Fairen Handel ist eine transparente Lieferkette auch ein wichtiger Baustein im Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit.

Vor dem aktuellen Hintergrund, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird – die acht reichsten Personen der Welt besitzen mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – soll der Bischof von Myra uns für  seine Werte von sozialer Gerechtigkeit und Solidarität öffnen.

Krasse soziale Gegensätze gab es auch zu Zeiten des Heiligen Bischof von Myra. Nikolaus selbst entstammte einer privilegierten Familie in Kleinasien. Das machte ihn jedoch nicht blind für die Not um ihn herum. Im Gegenteil: er schützte die Armen vor Ausbeutung.
Der Legende nach kam Nikolaus eines Nachts am Haus einer Familie vorbei, die so mittellos war, dass die drei Töchter als Prostituierte ihr Geld verdienen mussten. Damit die jungen Frauen dieses Tun beenden und heiraten konnten, warf Nikolaus drei Beutel mit Gold durch das Fenster des Hauses.

Soziale Missstände sind also der Hintergrund für unseren heutigen Brauch, Kinder zum Nikolaustag mit Süßem zu beschenken.

Faire Schokolade und das Vorbild des Nikolaus sind zwei Dinge, die uns durch die Adventszeit begleiten sollen.

 

 

Gleiche Chancen durch Fairen Handel – die Faire Woche 2019 Grußwort von Dr. Gerd Müller

Ein gut gefüllter Kleiderschrank, Kaffee, Tee, Kakao nach Belieben, Südfrüchte zu jeder Jahreszeit, jedem ein Smartphone, Tablet und PC – all das und noch viel mehr erscheint uns selbstverständlich.
Doch allzu oft ist dieser Wohlstand mit Armut in Entwicklungsländern erkauft. Denn vieles ist bei uns nur deshalb so billig, weil andere die wahren Kosten dafür tragen. Am Anfang eines jeden Produktes steht ein Mensch – und sehr häufig ist es eine Frau!

Beispiel Textilindustrie: Allein in Bangladesch sind in diesem Sektor rund vier Millionen Menschen beschäftigt, 90 Prozent davon Frauen. Viele unserer Kleidungsstücke werden dort unter Arbeitsbedingungen geschneidert, die wir hierzulande schon längst nicht mehr dulden würden: 14-Stunden-Tage ohne Pausen, keine soziale Absicherung etwa bei Schwangerschaft, kaum gewerkschaftliche Organisation. Auch die Rohstoffe für unseren Kaffee oder unsere Schokolade pflanzen und ernten überwiegend Frauen, oft für einen Hungerlohn.

So bleiben Frauen in einer Spirale der Armut gefangen – und ihre Länder gleich mit. Denn solange die eine Hälfte der Bevölkerung in vielen Ländern keine gleichen Chancen und Rechte hat, werden diese Länder die Entwicklungsziele nicht erreichen können. Bei vollkommener Gleichberechtigung – so hat eine McKinsey-Studie ergeben – könnte die Weltwirtschaft bis 2025 um 12 Billionen US-Dollar wachsen. Es gäbe mehr Gesundheit, mehr Bildung, soziale Entwicklung.

Der Faire Handel ist ein Schlüssel, um die Gleichberechtigung der Geschlechter weltweit voranzubringen. Darum ist es gut, dass bei der diesjährigen 18. „Fairen Woche“ der Schwerpunkt auf Geschlechtergerechtigkeit liegt. Denn die Faire Woche macht mit einer Vielzahl von Veranstaltungen darauf aufmerksam, welchen Beitrag wir hier in Deutschland dazu leisten können.

Wir alle entscheiden mit unseren Kaufentscheidungen mit über das Leben und die Chancen anderer Menschen. Und es ist auch Ihrer hartnäckigen Arbeit zu verdanken, dass dies immer mehr Menschen bewusst wird. Immer mehr Menschen wollen wissen, wie das, was sie kaufen, hergestellt wurde. Sie lassen nicht mehr allein den Preis entscheiden, sondern achten auch auf ökologische und soziale Standards in der Lieferkette. Das schätze ich sehr!

Auch unsere Unternehmen müssen sicherstellen, dass in Lieferketten Menschenrechte eingehalten werden. Viele gehen bereits freiwillig voran. Als Antwort auf die Katastrophe von Rana Plaza etwa initiierte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 2014 das Bündnis für nachhaltige Textilien. Gestartet mit einer Handvoll Teilnehmenden, deckt es inzwischen rund 50 Prozent des deutschen Textileinzelhandelsmarkts ab. Die Mitglieder des Textilbündnisses setzen sich für soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der gesamten Textil-Lieferkette ein. Davon profitieren vor allem Frauen. Auch das Forum Nachhaltiger Kakao hat viel erreicht: Von 3 Prozent zertifiziertem Kakao in deutschen Supermärkten im Jahr 2011 auf über 60 Prozent heute.

Am Ende aber müssen alle Unternehmen in Deutschland ihren unternehmerischen Sorgfaltspflichten in ihren Lieferketten nachkommen. Wie weit das Prinzip der freiwilligen Selbstverpflichtung trägt, wird bald im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Wirtschaft und Menschenrechte bei Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern abgefragt. Wenn wir feststellen, dass Freiwilligkeit nicht ausreicht, werden wir national gesetzlich tätig und uns für eine EU-weite Regelung einsetzen – so haben wir es im Koalitionsvertrag vereinbart. Und immer mehr Unternehmen sind offen dafür. Denn letztlich sollten für alle die gleichen Spielregeln gelten!

Als Entwicklungsministerium fördern wir faire und ökologisch nachhaltige Arbeits- und Produktionsbedingungen in vielen Sektoren und Partnerländern: In der Landwirtschaft zum Beispiel machen Frauen oft den Großteil der Arbeit – aber haben kaum Zugang zu Landrechten, zu Saatgut oder zu Krediten. Auch viele staatliche Programme der Partnerländer richten sich vor allem an Männer. Frauen bleiben so vom Zugang zu Ressourcen, technischen Kenntnissen und Vermarktungs-Möglichkeiten ausgeschlossen. Das BMZ achtet deshalb sehr darauf, dass in den von uns geförderten Schulungen die Frauen zum Zuge kommen. So wurden in West- und Zentralafrika fast eine halbe Million Menschen im Kakaosektor fortgebildet – ein Drittel davon waren Frauen. Sie verdienen nun deutlich mehr und haben dadurch oft auch mehr Entscheidungsfreiheit und Handlungsspielraum für ihr eigenes Leben.

Menschenwürdige Arbeit weltweit durchsetzen – das ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts. Gemeinsam können wir die Globalisierung gerecht gestalten, insbesondere für die Frauen dieser Welt!

 

 

Ihr
Dr. Gerd Müller
Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
und Schirmherr der Fairen Woche 2019

Vereinsnachrichten: Neuer Vorstand nimmt seine Arbeit auf

Anlässlich der monatlichen MitarbeiterInnen-Besprechung stellte sich der neu gewählte Vorstand vor und erläuterte die neue Aufgabenverteilung im Vorstandsteam. Durch die Erweiterung von 2 auf 3 Vorstandsmitglieder wird künftig die anfallende Arbeit auf mehr Köpfe verteilt. Wir tragen damit aber auch dem Zuwachs an Aufgaben Rechnung,  z.B. bei der Information über die Intentionen des fairen Handels und auch sein Gegenteil, den sog. freien Handel. In diesen Tagen (13. Bis 27. Sept.) findet bundesweit die alljährliche Faire Woche statt. Sie ist eine Aktionswoche des Fairen Handels, bei der sich Weltläden, Schulen, Kommunen und Kirchengemeinden beteiligen, um das Anliegen des Fairen Handel bekannter zu machen.

Sie steht dieses Jahr unter dem Motto „Geschlechtergerechtigkeit“, also die Frage, was leisten Frauen und Mädchen zu einer nachhaltigen Entwicklung und was tut der Faire Handel, um die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu fördern? Wir im Weltladen Kressbronn beschäftigen uns mit den Unterthema „Frauen in der Textilindustrie“. Der Strategie der globalen Textilindustrie, immer schneller und immer häufiger neue Kollektionen auf den Markt zu werfen („fast fashion“) mit all seinen negativen Auswirkungen stellen wir das Prinzip der Fair Fashion entgegen: Weniger ist mehr. Dafür mehr Qualität, sowie Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit in der Lieferkette. Jeder Deutsche und jede Deutsche kauft im Durchschnitt jährlich 60 Stück Textilien – und wirft sie größtenteils kurz danach wieder weg. Die Qualität des Gewebes ist oft so minderwertig, dass nicht einmal Putzlappen daraus gemacht werden können! Wie ein Haufen Textilien mit 60 Teilen oder 14 kg Gewicht aussieht, können Sie sich im Weltladen Kressbronn anschauen.

Armut ist weiblich

Darum ist es gut, dass bei der diesjährigen „Fairen Woche“, die vom 13. bis 27. September stattfindet,  der Schwerpunkt auf Geschlechtergerechtigkeit liegt. Die Faire Woche ist die größte Aktionswoche des Fairen Handels in Deutschland. In diesem Jahr dreht sie sich um das Thema Geschlechtergerechtigkeit. Welchen Beitrag leisten Frauen und Mädchen zu einer nachhaltigen Entwicklung und was tut der Faire Handel, um Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu fördern?

„Alle Menschen sind frei und gleich an Rechten und Würde geboren”, heißt es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN. Doch die Realität sieht anders aus: Weltweit verhindern gesellschaftliche, politische und ökonomische Faktoren, dass sich Frauen und Männer gleichermaßen entfalten können. In den meisten Fällen geht das zu Lasten der Frauen. In Deutschland erhalten sie z.B. für gleiche Tätigkeiten oft deutlich weniger Gehalt als Männer.

In den Ländern des Südens haben Frauen und Mädchen oftmals weniger Zugang zu Bildung und zu Produktionsmitteln wie Land, Saatgut und Krediten. In der Folge verfügen sie über weniger eigenes Einkommen und sind stärker von Armut betroffen als Männer. So produzieren Frauen in der afrikanischen Landwirtschaft über 90% der Grundnahrungsmittel! Zugleich besitzen sie aber nur etwa 1% des Ackerlandes. Sie arbeiten in der Textilindustrie unter unwürdigen und ausbeuterischen Bedingungen, schneidern viele unserer Kleidungsstücke unter Arbeitsbedingungen, die wir hierzulande längst nicht mehr dulden würden.

So bleiben die Frauen in einer Spirale der Armut gefangen – von den rund 700 Mio. Menschen, die weltweit in extremer Armut leben, sind rund 70 % Frauen – und ihre Länder gleich mit.

Gleiche Chancen für Frauen und Männer sind nicht nur ein Gebot der Gerechtigkeit: sie sind eine wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung und für ein gutes Leben für Familien und Gemeinschaften. Denn während Frauen etwa 90% des Einkommens für Ernährung, Gesundheit und Bildung der Familie verwenden, sind es bei den Männern nur 30%. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) schätzt, dass die Zahl der unterernährten Menschen um 200 bis 150 Millionen reduziert werden könnte, wenn die Ungleichheit der Geschlechter im Agrarsektor beseitigt werden könnte. Und bei vollkommener Gleichberechtigung – so hat eine McKinsey-Studie ergeben – könnte die Weltwirtschaft bis 2025 um 12 Billionen US-Dollar wachsen. Es gäbe mehr Gesundheit, mehr Bildung, soziale Entwicklung.

Die Förderung von Strukturen, die es Frauen und Mädchen gleichermaßen ermöglicht, ihre Potenziale zu entfalten, gehört zu den Grundprinzipien des Fairen Handels. Der Faire Handel

fördert den Zugang von Mädchen und Frauen zu Bildung,
verschafft Frauen Zugang zu Ressourcen wie Land, Produktionsmitteln und Einkommen,
bezieht Frauen in Entscheidungsprozesse ein,
thematisiert das Problem der Ungerechtigkeit durch fehlende Gleichberechtigung der Geschlechter in der Öffentlichkeit.

Trotz aller Erfolge bleibt noch viel zu tun. Um zu mehr Chancengleichheit zu kommen, fordert der Faire Handel u.a. die Fixierung auf Geschlechterrollen schon in der Erziehung zu vermeiden, die Anzahl von Frauen in Politik und Unternehmensvorständen zu erhöhen und patriarchale Strukturen aufzubrechen. Der Faire Handel leistet dazu einen wichtigen Beitrag und trägt so auch dazu bei, die nachhaltigen Entwicklungsziele zu erreichen. Machen Sie mit!

Quelle: www.faire-woche.de, www.deab.de